Geschichte der Stadtkirche

„Die Geschichte der Durlacher Kirchen“ – von Dr. Hans-Georg Ulrich


Der hier zu lesende Artikel wurde von Dr. Hans-Georg Ulrichs zwischenzeitlich nochmals überarbeitet und erschien im Jahrbuch für badische Religions- und Kirchengeschichte 2011. Hier der überarbeitete Artikel als PDF zum Herunterladen.


Es ist nicht nur ein persönliches Glück, in Durlach leben zu können, sondern auch ein Genuss für einen Kirchenhistoriker, spiegelt sich in Durlach doch die badische Kirchengeschichte wider. Dabei finden sich in Durlach nicht lediglich repräsentative Exempel. Vielmehr ist Durlach über weite Strecken ein Ort, an dem sich zentrale Entwicklungen ereignen, ist dies Städtchen doch 150 Jahre lang die Residenz Baden-Durlachs (1565-1718) gewesen und danach immer wieder ein bevorzugter Wohnort, auch wenn die wachsende Bedeutung Karlsruhes, in das es 1938 zwangsweise eingemeindet wurde, Durlach in den Schatten zu drängen drohte.(1) Große Entscheidungen mussten hier schnell auch im kirchlichen Alltagsleben ankommen. Ein Überblick auf die Pfarrer-, Diakonen-, Rektoren- und Professorenliste Durlachs (2) zeigt interessanter Weise auch, wie viele „Ausländer“ hierhin berufen wurden! Wie überhaupt die frühneuzeitliche pfarrberufliche Mobilität ganz erstaunlich gewesen ist. Landeskirchliche bzw. treffender: territoriale Grenzen waren offenbar weniger wichtig als Kompetenz und Konfession. Und so mancher ist von seiner exponierter Stelle in Durlach weggegangen oder wegberufen worden, um anderenorts richtig prominent zu werden. Es wäre gewiss ein lohnendes Unternehmen, einmal eine Durlacher Kirchengeschichte nicht nur auf Grund der Literatur (3), sondern nochmals neu mit den Akten und Dokumenten der Gemeinde, der Landeskirche (4) und des Generallandesarchivs zu schreiben.

Die Epochen der badischen Kirchengeschichte zeigen sich hier vor Ort in respektablen und prominenten Personen. Die Reformation und das Konfessionelle Zeitalter können erläutert werden an den Veränderungen mit der Einführung der Reformation in der Markgrafschaft Baden-Pforzheim, der dann bald folgenden Verlegung der badischen Residenz von Pforzheim nach Durlach 1565 und der Errichtung des Dekanats Durlach, das bis 1975 existierte. Vor allem ist aber an den Markgrafen Ernst Friedrich (1560-1604) zu erinnern, der Ende des 16. Jahrhunderts nach eigener Konversion versucht hat, auch sein Territorium der reformierten Konfession zuzuführen. Der lutherische Pfarrer Johann Konrad Jenisch (1556-1618) musste Durlach nach längeren Querelen 1600 verlassen, wirkte aber später nach dem calvinistischen Zwischenspiel als Superintendent im ohnehin lutherisch-renitenten Pforzheim.(5) Die zur Calvinisierung Badens berufenen Johann Christof Flurer (6) und Ludwig Lucius aus Basel (1577-1642)(7) mussten allerdings mit dem Tode ihres Landesherrn 1604 wohl fluchtartig die Koffer packen. Die Orthodoxie hatte ihren herausragenden Vertreter in Johann Fecht (1636-1716), ab 1667 Hofvikar und Professor in Durlach, dann bald Oberhofprediger und Ephorus über das ganze badische Schulwesen, mit der Zerstörung Durlachs 1689 geflohen, um schließlich an der Universität Rostock bis zu seinem Tod als ein hochangesehener und schriftstellerisch fruchtbarer Repräsentant der lutherischen Orthodoxie zu leben.(8) Während Fecht bei der Zerstörung floh, musste einer seiner mittelbaren Nachfolger gerufen werden, um das badische Kirchenwesen nach den Zerstörungen auch innerlich wieder aufzubauen. Der bedeutendste Theologe in Durlach war zweifelsohne der Schwabe Johann Jakob Eisenlohr (1655-1736), der ein gutes Beispiel für die lutherische Spätorthodoxie, die damalige kirchliche Normallehre ist; Eisenlohr hat die badische Kirche innerlich wieder reorganisiert durch Kirchen-Personalpolitik, Katechismus und Predigten, für die der Pietismus wenig attraktiv war. Einer seiner Adlaten, Gottfried Posselt (1693-1768) (9), hat durch seine Autobiographie eine interessante sozialgeschichtliche Quelle für das Leben im 18. Jahrhundert hinterlassen.(10) Jedenfalls muss es auch ein nahezu pfingstliches Sprachengewirr gewesen sein, wenn sich der Schwabe Eisenlohr mit dem Lausitzer Posselt in Mittelbaden unterhalten haben. Das 19. Jahrhundert ist weniger wegen der Unionsgründung 1821 interessant, als vielmehr einerseits wegen der Tatsache, dass nun ausgerechnet in Durlach Anfang 1849 nach einem Auftritt von Johann Hinrich Wichern ebenfalls in Durlach im Jahr zuvor der Evangelische Verein für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses gegründet wurde (11); andererseits ist mit einem weiteren herausragenden Theologen, nämlich dem von 1860 bis 1898 in Durlach wirkenden Johann Friedrich Bechtel (1822-1911) (12), ein umstrittenes Thema der badischen Kirchengeschichte dieses Jahrhunderts behandelt, da dieser bereits ein Jahr nach Einführung des badischen Landeskatechismus 1856 eine umfangreiche Erklärung, also quasi ein Lehrerhandbuch, dazu vorlegen konnte: Der Katechismus für die evang.-protest. Kirche im Grossherzogthum Baden ausführlich erklärt, aus der heiligen Schrift begründet und mit fortlaufenden Zeugnissen aus alter und neuer Zeit der Kirche versehen. Ein Handbuch für Kirche, Schule und Haus (erschienen Karlsruhe 1857, 483 Seiten).(13) Auch Bechtels Lehrbuch gehört in die kurze konservative Phase zur Mitte des Jahrhunderts, freilich ohne so gänzlich einseitig wie mancher seiner Gewährsleute aufzutreten, wenn er auch schon zu Beginn seines Vorwortes Claus Harms zu Wort kommen lässt. Der eher konservative Katechismus von 1856 wurde bereits früh in der folgenden liberalen Ära eher mit Ungunst verwendet und dann auch bereits 1882 von einem liberaleren Katechismus abgelöst. Übrigens taucht erst im Laufe des 19. Jahrhunderts die Bemerkung auf, dass Pfarrer sich „i.R.“ befanden; vorher war man entweder aus dem Pfarramt verzogen oder im Pfarramt verstorben.

Für das 20. Jahrhundert können drei Personen aus dem Durlacher Beritt als historisch besonders bemerkenswert genannt werden. Zunächst ist der von 1910 bis 1935 amtierende Pfarrer Karl Adolf Wolfhard (1868-1935) (14) zu nennen, dessen Vater Johann Georg (1830-1907) bereits Dekan und Mitglied der Generalsynode war. Adolf Wolfhard war für kurze Zeit 1895 Sekretär im Evangelischen Oberkirchenrat und kam nach einigen Stationen nach Durlach in eine boomende Industriestadt, deren sozialdemokratischen Funktionären und Propagandisten entgegen zu treten er sich nicht scheute. In Durlach war er die prägende Pfarrergestalt, die dann ab der zweiten Hälfte der 20er Jahre noch vielfältig in verantwortliche Positionen aufrückte: 1927 zum Kirchenrat ernannt, fungierte Wolfhard von 1931 bis 1935 als Vorsitzender des Landesvereins für Innere Mission (15) und war 1932 und 1934 in der Landessynode vertreten. Sodann ist mit Kurt Gustav Ernst Lehmann (1892-1963) an einen im „Dritten Reich“ rassisch Verfolgten zu nennen, der von seiner Kirchenleitung sowohl in den Jahren 1933-1935 nicht energisch geschützt und nach 1945 auch nicht gerade mit offenen Armen empfangen wurde. (16) Lehmanns Vater Ernst Josef (1861-1948) war vom Judentum zum christlichen Glauben konvertiert und wirkte als angesehener Pfarrer von 1911 bis 1931 in Mannheim; verheiratet war er mit der Tochter des Oberkirchenrates Gustav August Faißt (1834-1873). Mit Lehmanns erzwungenem Abgang und Wolfhards Tod wurden beide Durlacher Pfarrstellen vakant, die umgehend wieder besetzt werden könnten. Während Erwin Beisel (geb. 1903) als stiller Seelsorger im lokalen Gedächtnis geblieben ist, ist Dekan Andreas Schühle (1896-1975) eine bis heute die Emotionen weckende Gestalt.(17) Er ist hier schließlich für das 20. Jahrhundert zu nennen, da er – aus ländlichen Verhältnissen stammend – wie sein Vorgänger Lehmann (18) als Soldat am 1. Weltkrieg teilgenommen hatte, um dann von diesen Erfahrungen geprägt Theologie zu studieren und ins Pfarramt zu gehen. Damit steht Schühle repräsentativ für eine ganze Pfarrergeneration, die bis weit in die Bundesrepublik hinein die evangelische Kirche mitprägen sollte. Schühle war ein Vertreter der volkskirchlich-konservativen Mitte, der vordergründig der Gemeinde und vor allem der Jugend hart gegenüber auftreten konnte, von nicht wenigen Zeitgenossen aber auch als achtsamer Seelsorger, der in allen Lebenslagen zu helfen verstand, beschrieben wird. In jedem Fall muss er eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Von 1949 bis 1967 stand er an der Spitze des Badischen Pfarrvereins.

Durlach, das mit dem Jahr 1975 seinen Dekanatssitz verlor, ist gerade aufgrund seiner exponierten Stellung, ein strukturell eher konservatives Pflaster. Dies erhellt schon aus dem Befund, dass zwei Neuerungen, die das Pfarrerbild in der zurückliegenden Generation doch wesentlich verändert haben, erst Ende des 20. Jahrhunderts dann endlich auch in Durlach griffen: Im Jahre 1998 trat die erste Pfarrerin ihren Dienst an, erst 2000 wurde ein Ehepaar im Job-sharing auf die andere Pfarrstelle berufen.


1 Zur Durlacher Geschichte vgl. neben den älteren Werken wie Karl Gustav Fecht, Geschichte der Stadt Durlach, Heidelberg 1869 (Nachdruck Karlsruhe-Durlach 1969) vor allem Susanne Asche/Olivia Hochstrasser, Durlach. Staufergründung, Fürstenresidenz, Bürgerstadt (Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs 17), Karlsruhe 1996.
2 Vgl. Heinrich Neu, Pfarrerbuch der evangelischen Kirche Badens von der Reformation bis zur Gegenwart, Teil I: Das Verzeichnis der Geistlichen, geordnet nach den Gemeinden (Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche Badens XIII), Lahr 1938, S. 46-51.
3 Vgl. Bibliographie zur Durlacher Kirchengeschichte, in: Gottes Haus am Markt – Das Evangelische Gemeindehaus Am Zwinger. Beiträge zur Gegenwart und Geschichte der Evangelischen Stadtkirchen-Gemeinde Durlach, im Auftrag des Ältestenkreises herausgegeben von Hans-Georg Ulrichs, Durlach 2006, S. 109-111. – Vgl. auch: Protestanten und Katholiken. Die Durlacher Stadtkirchen, herausgegeben vom Pfinzgaumuseum, Süd- und Nordpfarrei der Evangelischen Stadtkirche Durlach, Katholische Gemeinde St. Peter und Paul Durlach, Karlsruhe 2000, darin: Susanne Asche, Katholiken und Protestanten – die evangelische Stadtkirche, in: Protestanten und Katholiken, aaO., S. 9-50. S. 102-108.
4 Die älteste Akte im landeskirchlichen Archiv beginnt 1703, vgl. Findbuch Az 41/3 (1703 bis 1974).
5 Vgl. Heinrich Neu, Pfarrerbuch der evangelischen Kirche Badens von der Reformation bis zur Gegenwart, Teil II: Das alphabetische Verzeichnis der Geistlichen mit biographischen Angaben (Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche Badens XIII), Lahr 1939, S. 297.
6 Vgl. Neu II, S. 168.
7 Vgl. Neu II, S. 380. Lucius wirkte ab 1611 als Professor in seiner Heimatstadt Basel.
8 Vgl. Neu II, S. 155; BBKL II (1990), Sp. 3.
9 Vgl. Neu II, S. 465.; Peter Güß, Gottfried Posselt (1693-1768). Ein Pfarrerleben im 18. Jahrhundert, in: Gottes Haus am Markt (wie Anm. 13), S. 55-62.
10 William Posselt (Hg.), Gottfried Posselt, München 1926.
11 Vgl. Gotthilf Wenz u.a. (Red.), „Jesus lebt! Mit ihm haben wir Zukunft.“ 150 Jahre Evangelischer Verein für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses 1849-1999, Karlsruhe 1999, S. 4-16: Geschichtlicher Rüchblick; zur Gründung in Durlach aaO., S. 9f.
12 Vgl. Neu II, S. 45.
13 Vgl. Friedemann Merkel, Die Unionskatechismen der badischen Kirche. Ihre Entstehung, ihre Theologie, ihre didaktische und methodische Anlage, in: Hermann Erbacher (Hg.), Vereinigte Evangelische Landeskirche in Baden 1821-1971. Dokumente und Aufsätze, Karlsruhe 1971, S. 359-391, hier: S. 375-381.
14 Vgl. Neu II, S. 677.
15 Nicht zu verwechseln mit dem AB-Verein! Der Landesverein entstand quasi als Abspaltung der Gründung des AB-Vereins 1849 im Zusammenhang mit der sog. Durlacher Konferenz und wurde zunächst von Carl Ullmann geführt.
16 Vgl. Neu II, S. 365. Vor allem Eckhart Marggraf hat sich um das Gedenken Kurt Lehmanns verdient gemacht, vgl. etwa ders., Kurt Lehmann (1892-1963). Ein Verkünder des Evangeliums gegen den Nationalsozialismus und eine taktierende Kirchenleitung, in: Gottes Haus am Markt (wie Anm. 13), S. 68-81.
17 Vgl. Georg Gottfried Gerner-Wolfhard, Andreas Schühle (1896-1975). Vom Bauernbub zum Stadtdekan, in: Gottes Haus am Markt (wie Anm. 3), S. 81-89.
18 Schühle scheint gegen Lehmann schwer zu fassende Antipathien gehegt zu haben. Möglicherweise hängen sie mit Lehmanns Versuch ab 1946 zusammen, auf seine unterdes von Schühle besetzte Pfarrstelle nach Durlach zurückzukehren.

Dankenswerterweise hat uns unser ehemaliger Stadtkirchen-Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs auch seinen 2012 veröffentlichten lesenswerten kirchengeschichtlichen Artikel zum Durlacher Ernst Münz zur Verfügung gestellt.

Die bibliographischen Angaben lauten:
Hans-Georg Ulrichs, „Ihr Name und Ihr Schicksal ist der ganzen Bekennenden Kirche vertraut“. Vom Schülerbibelkreis in die Fänge der Gestapo: Ernst Münz (1915-1969) und sein BK-Freundeskreis,
in: Jahrbuch für badische Kirchen- und Religionsgeschichte 6 (2012), S. 221-266.

Die betreffende PDF ist aufgrund der zahlreichen Abbildungen leider zum Einstellen zu groß – Sie können ihn bei Interesse gerne im Pfarramt einsehen.


Wer an familiengeschichtlichen Zusammenhängen Interesse hat, wird sich freuen, dass seit Februar 2014 Teil 1 des Ortsfamilienbuches Karlsruhe „Hof u. Hofdienerschaft Durlach 1688-1761“ erhältlich ist. Nähere Informationen (ein Überblick über die Familiennamen, eine Inhaltsangabe, Bestellmöglichkiten) können unter www.ak-bd.de aufgerufen werden. Ein Exemplar wurde uns vom Autorenehepaar geschenkt und kann in der Bibliothek des Gemeindehauses  genutzt werden.